“Außerirdische sind Stars der Popkultur. In der Wissenschaft gelten sie als Inbegriff maximaler Fremdheit. Das Choreografie-Duo Kathrin Spaniol und Morgan Nardi erforscht mit „Was-wäre-wenn-Szenarien“ die Frage, wie wir mit dem Unbekannten umgehen. Was passiert, wenn Menschen auf ein nicht-menschliches Gegenüber treffen? Wer spricht für die Menschheit? Die Vereinten Nationen? Tech-Milliardäre?”
In Koproduktion mit dem Duo Spaniol Nardi entstand die Performance Loving the Aliens, die vom 26.06.-28.06.2025 im FFT Düsseldorf uraufgeführt wurde.
Kathrin Spaniol und Morgan Nardi arbeiten seit 2016 kontinuierlich zusammen und wurden dabei für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2023 mit dem Förderpreis für Darstellende Kunst der Stadt Düsseldorf und durch die erneute Zusage der Konzeptförderung 2024.
Der Kern ihres Schaffens liegt an der Schnittstelle von Tanz und Performing Arts und zeichnet sich durch einen besonderen Umgang mit Räumen aus. Für jede Idee suchen sie den spezifisch passenden Ort, das richtige Format und ein eigenes Narrativ. Durch ihre künstlerischen Eingriffe erfassen sie die Identität eines Ortes und verändern den Blick darauf. Dabei schaffen sie bewusst Momente der Poesie und der Irritation in der Wahrnehmung.


Konzeption
Für Loving the Aliens entwickelten sie eine zweiteilige immersive Performance. Unter freiem Himmel, auf der Dachterrasse des FFT, wurden die Zuschauer*innen in einer Art Versuchsanordnung auf den hypothetischen Erstkontakt mit einer unbekannten Spezies vorbereitet.
Der zweite Teil führte das Publikum durch das Treppenhaus und Flure auf die Bühne II des FFT, wo durch das Zusammenspiel aus Performance, Tanz, Sound und Licht eine immersive und interaktive Erfahrung inszeniert wurde. Diese nutzte die fiktive Begegnung mit etwas Nicht-Humanem als Ausgangspunkt, um sowohl menschliches Verhalten als auch die eigene Positionierung gegenüber dem Fremden zu reflektieren. “Loving the Aliens” ist somit weniger Science-Fiction als ein performatives Gedankenspiel über Menschlichkeit, Macht und den Umgang mit dem Unbekannten.
Das Team des KoLabs unterstütze die Performer*innen dabei bereits intensiv inhaltlich in der Konzeptionsphase und entwickelte Prototypen für interaktive Klang- und Lichtsteuerungen. Der Bühnenraum sollte als eigenständige Entität und als weiterer Performer inszeniert werden.
Sound Design
Die klangliche Ebene bestand aus zwei Komponenten. Neben vorkomponierten und -gestalteten Passagen lag der Fokus auf interaktiven Live-Elementen. Hierfür wurde ein extra fürs FFT entwickeltes Audio Setup genutzt, welches aus XXX Lautsprechern, 2 Subwoofern, 3 Körperschallwandlern und mehreren (Kontakt)mikrofonen bestand.
Um dem Raum ein Eigenleben zu geben, wurde ein Regelsystem, basierend auf der Echtzeitanalyse von Audiodaten und Wahrscheinlichkeiten entwickelt, welches die Live-Verarbeitung von Geräuschen und Stimmen mit Max/MSP steuerte. Das Ziel war, den festgelegten Ablauf der Performance mit einer lebendigen, unvorhersehbaren Ebene anzureichern. So behielt jede Aufführung ihre grundlegende Struktur bei, erhielt aber durch die spontane klangliche Interaktion einen in seinen Details immer wieder neuen, einzigartigen Charakter.
Ein großer Fokus wurde im Sound Design darauf gelegt, den Raum als Klangkörper zu begreifen. Dazu wurden verschiedene Klänge des Raumes aufgenommen (Resonanzen der Lüftungsrohre, das Rauschen der Gasheizung, das Gleiten der Bühnenvorhänge entlang der Metalltraversen etc.), die als Ausgangsmaterial für das vorproduzierte Sound Design verwendet wurden. Außerdem dienten die Lüftungsschächte sowie ein großes Blech während der Performance als Resonatoren, die mit Hilfe von Körperschallwandlern in Schwingung versetzt wurden. Dies wurde wiederum durch Kontaktmikrofone aufgezeichnet, wodurch ein resonantes Echo erzeugt wurde.
Um den Eindruck eines eigenständig agierenden Raums weiter zu unterstützen, entwickelte das Team des KoLabs, mit Hilfe von JavaScript und Max/MSP eine interaktive Timeline und ein mobiles Steuersystem.
Timeline und Steuerungssystem
Im Laufe der Koproduktion stellte sich heraus, dass ein hybrider Ansatz essenziell ist, der fixierte Klang- und Lichtereignisse mit live auf die Performance reagierenden Events kombiniert. Die fixierten Events wurden auf einer Timeline platziert, die mit JavaScript in Max/MSP programmiert wurde. Das Wechseln der einzelnen Timeline-Abschnitte erfolgte dabei manuell. Außerdem konnten bestimmte Klang-Events live getriggert werden, sodass auf die Performance reagiert werden konnte.

Um die Illusion eines selbständigen Raumes nicht zu brechen, war es wichtig, dass kein*e sichtbare*r Techniker*in die Performance steuert. Deshalb wurde für die Timeline-Steuerung mit Hilfe des Miraweb Package ein User-Interface für das Handy entwickelt, das per Netzwerk mit Max/MSP kommunizierte. Die Steuerung erfolgte somit unauffällig, da der*die Techniker*in als Teil des Publikums verstanden wurde.
Lichtsteuerung
Parallel zur klanglichen Ebene wurde die Entwicklung einer interaktiven Lichtsteuerung vorangetrieben. Ein erster Ansatz verfolgte die Bewegungssteuerung des Lichts mittels Machine Learning, erwies sich jedoch als inkompatibel mit der konkreten Bühnenbildgestaltung. Die zentrale Herausforderung bestand darin, eine technische Infrastruktur zu schaffen, die für das Publikum unsichtbar blieb und ohne einen klassischen Technikerplatz auskam.
In Absprache mit der Lichttechnik wurde daher ein alternatives System konzipiert, das eine mobile Steuerung per Smartphone ermöglichte. Hierfür wurde ein Setup entwickelt, das mittels TouchOSC, TouchDesigner und dem MIDI-Protokoll Daten an die DMX-Hauptlichtkonsole sendete. Diese Konfiguration erlaubte unter anderem die intuitive Steuerung von Moving Heads, deren Bewegung und Position direkt an den Beschleunigungsmesser und das Gyroskop des Smartphones gekoppelt waren.
Credits


Künstlerische Leitung, Choreografie, Performance: Kathrin Spaniol, Morgan Nardi
Performance: Mariane Verbecq, Jonathan Schimmer
Programmierung Digitales Koproduktionslabor Dortmund: Fabian Bentrup (Creative Coding / Sound Artist), Michael Nguyen (Creative Coding / Sound Artist), Florencia Alonso (Creative Coding / Digital Artist)
Lichtkunst: Pietro Cardarelli
Kostümdesign: Bee Hartmann
Dramaturgie: Robin Junicke, Jana Griess
Öffentlichkeitsarbeit: Sven-André Dreyer
Produktionsassistenz: Sarah Heinrich
Expert*innengespräch: Dr. Andreas Anton, Bettina Wurche


